Auf Visite mit dem Chefarzt

Ein guter Arzt zeichnet sich nicht nur durch Kompetenz, Wissen oder Geschicklichkeit aus. Zu den wichtigsten Fähigkeiten, die ein Arzt meistern sollte, gehört der Umgang mit den Patienten. Ein Patient, der sich nicht nur in fähigen Händen weiß, sondern seinem Arzt vertraut und ihm Sympathie entgegenbringt, ist schon fast geheilt. Solche Patienten zeigen nicht nur eine größere Compliance - sie befolgen also die Anordnungen des Arztes eher -, sondern benötigen oftmals auch weniger Schmerzmittel, zeigen weniger Komplikationen und sind im Allgemeinen deutlich zufriedener.

 

Prof. Dr. med. Markus Rittmeister ist seit zwölf Jahren Chefarzt der Fachabteilung für Orthopädie und Unfallchirurgie des St. Elisabethen-Krankenhauses in Frankfurt am Main. Mit ihm haben wir uns darüber unterhalten, wie man mit Patienten umgeht und dabei auch schwierige Situationen meistern kann.

Solche praktischen Fähigkeiten lernt man jedoch nicht durch Lesen. Deshalb durften wir ihn auf seiner Visite mit einer Videokamera begleiten. In zwei Videos zeigen wir die Highlights der Visite sowie einen ungeschnittenen Auszug aus einem Patientenzimmer.

 

Prof. Dr. med. Markus Rittmeister | Foto: privat
Prof. Dr. med. Markus Rittmeister | Foto: privat

Was sind Fähigkeiten, die einen guten Arzt ausmachen?

Prof. Rittmeister: Also, ich denke, es gibt nicht einen guten Arzt und es gibt nicht eine bestimmte Fähigkeit. Ich glaube, aus vielen Menschen, die fleißig und sorgfältig sind, können gute Ärzte werden. Was für mich wichtig ist: Ich mag diesen persönlichen Kontakt und empfinde das jetzt nicht als zeitaufwendig oder dass es für mich als Operateur das notwendige Übel ist, auch zum Patientenbett zu gehen, mich mit ihm zu unterhalten. Es ist im Gegenteil ein ganz wichtiger Teil meiner Arbeit und ein Kerngeschäft. Und wichtig ist doch eigentlich nur für uns alle, dass wir das, was wir machen, gerne machen, dass wir möglichst sorgfältig sind. Denn das verringert die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendetwas übersehen. Und dass wir bei allem Wissen, das wir im Rahmen unseres Studiums akkumulieren, nie aufhören weiterzulernen. Das gilt auch für mich. Auch ich kämpfe täglich mit dem Vergessen. Also geht es darum, an anderer Stelle auch wieder einen Zuwachs an Wissen zu gewinnen.

 

Was glauben Sie, wie wichtig Empathie und eine gute Arzt-Patienten-Beziehung sind?

Prof. Rittmeister: Ich glaube, da werden mir viele Patienten zustimmen, wenn ich sage: Sehr wichtig. Ich glaube aber auch, dass es in der Art und Weise, wie wir mit Patienten umgehen, vielfach krankt. Es gibt Menschen, denen fällt es gar nicht so leicht, eine bestimmte Brücke zu überschreiten und sich auf Augenhöhe des Patienten zu begeben, zum Beispiel sich vor dem Bett niederzuknien oder den Rücken zu beugen, um eine Wunde zu inspizieren, oder aber auch die notwendige Zeit aufzubringen, auch wenn manch andere Aufgabe ruft, am Patientenbett stehen zu bleiben, um dann eine Sorge mit ihm zu teilen oder eine für ihn wichtige Sache zu besprechen. Ich denke, zumindest in der Art und Weise, wie ich meine Visitentätigkeit pflege, ist ein empathisches Vorgehen überhaupt nicht we´gzudenken.

 

Welche Möglichkeiten habe ich, mich empathisch zu präsentieren?

Prof. Rittmeister: Auch wenn jeder von uns Ärzten hier im Krankenhaus eine unterschiedliche Handschrift hat, so kann man doch sagen, dass allen gemeinsam ist, dass sie freundlich im Umgang mit Patienten sind. Es ist einer der wenigen Vorteile, die ein Chef hat: Er kann den Ton angeben, der im Umgang gepflegt wird. Mit Umgang meine ich übrigens nicht nur den Kontakt mit den Patienten, sondern auch mit den Schwestern, den Medizinstudenten, den Angehörigen und so weiter.

 

Wie empathisch darf ich als Arzt sein? Wo liegt die Grenze?

Prof. Rittmeister: Uns allen steht nur eine begrenzte Anzahl an Stunden in unserem Arbeitstag zur Verfügung. Und was nicht sein darf, ist dass wir uns zum Beispiel im Rahmen einer Visitentätigkeit so sehr verzetteln, dass andere Kerninhalte unserer Tätigkeit darunter leiden, etwa dass wir so spät in den OP kommen, dass wir nicht gründlich genug abwaschen und abdecken oder unsauber und schnell operieren. Das ist das eine. Das heißt, es müssen einfach viele Inhalte in einen Tag gepackt werden. Und für Visitentätigkeit kann eben nur ein bestimmter Teil des Tages zur Verfügung stehen. Das andere ist: Eine empathische Haltung während der Visite ist unbedingt wünschenswert, darf aber bitte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sie nicht messerscharf wichtige medizinische Inhalte immer mit abklopfen müssen. Sie müssen sich sicher sein, dass alles ok ist, dass er keine Thrombose hat, dass er keine Infektion hat, dass das Gelenk nicht ausgekugelt ist, dass die Schmerzmedikation stimmt, und und und. Das heißt, Sie dürfen sich nicht nur auf die Seele des Patienten konzentrieren. Tun Sie das, dann wäre es einseitig. Einseitig ist schlecht.

 

Die Highlights aus der Visite


Wie geht man mit schwierigen Patienten um?

Prof. Rittmeister: Ich denke, dass es mit den meisten Patienten einen Dialog gibt, den wir auf Station gut pflegen. Ich gehe sogar so weit, dass ich wirklich den Eindruck habe, dass mit mehr als 99% der Patienten meine Ärzte und ich gut zurechtkommen. Das liegt daran, dass wir nicht immer weich sind und zulassen, dass die Patienten die Schwestern anherrschen, sondern weil wir zuweilen auch entschlossen reagieren und sagen: "Das ist das Umfeld in dem Sie sich jetzt befinden. Das ist ein Ausnahmezustand, aber bitte, beleidigen Sie uns nicht, beleidigen Sie Schwestern nicht und halten Sie sich an die vorgegebenen Regeln." Das funktioniert in den allermeisten Fällen dann doch sehr gut.

 

Wie kann ich reagieren, wenn ich verbal angegriffen werde?

Prof. Rittmeister: So ein verbaler Angriff stört das Patientenverhältnis und belastet es. Ist das einmal eingetreten, dann erfüllt mich das eigentlich mit Traurigkeit, weil ich denke: Ich habe etwas falsch gemacht. Vielleicht hätte ich es nicht verhindern können, aber ich hätte es spüren müssen und hätte den Patienten gar nicht erst zur Behandlung annehmen sollen.  Wenn er aber dann zum Beispiel schon operiert ist und ich stelle erst dann fest, dass er eine Persönlichkeit hat, die die Schwestern und die Ärzte drangsaliert, dann ist es eigentlich schon zu spät. Und dann müssen wir die Behandlung einfach bestmöglichst beenden. Aber ich erinnere mich in den letzten Jahren eigentlich nicht an einen einzigen Patienten, wo das so schlecht gelaufen ist. Es gibt aber auch Patienten, die aufgrund hirnorganischer Veränderungen anders sind, die hochdepressiv, aggressiv oder verwirrt sind, zum Beispiel aufgrund einer Demenz. Das ist dann etwas anderes, wofür wir das größtmögliche Verständnis aufbringen müssen.

 

Was mache ich mit Patienten, die keine Compliance zeigen? Wie motiviere ich sie?

Prof. Rittmeister: Keine Compliance zu zeigen, bedeutet ja häufig, dass man in einer Nachsorge den Operationserfolg gefährdet, zum Beispiel weil ein Patient nach seiner Hüftoperation die Gehstöcke zu früh beiseite legt. Und da müssen wir alles unternehmen, um den Patienten zu beschützen. Und wenn das bedeutet, dass wir ihm zehn Mal das selbe sagen und ihn zehn Mal bitten, es anders zu machen und das auch mit Erklärungen hinterlegen, dann gibt es da keine andere Möglichkeit. Das ist mühevoll, das ist kraftraubend, aber es ist der einzige Weg. Einmal operiert dürfen wir nicht aufgeben. Dann haben wir nur einen Wunsch: Das perfekte Ausheilungsergebnis.

 

Wie überbringe ich schlechte Nachrichten?

Prof. Rittmeister: Wer überbringt schon gerne schlechte Nachrichten? Da ist man in der Unfallchirurgie und Orthopädie eigentlich erfolgsverwöhnt, weil man sehr häufig gute Nachrichten überbringen darf und die Erfolge auch rasch sieht. Ich bin zunächst der Meinung, dass wenn etwas nicht gut gelaufen ist - ob eine kleine oder eine große Sache, ob man bei einer Hüftgelenksoperation nur die perfekte Beinlänge um 5 mm verfehlt hat oder den Oberschenkelknochen gebrochen hat -, den Patienten in beiden Fällen über die ungeschminkte Wahrheit informieren muss. Und man sollte nicht lange damit warten, sondern es zum nächstmöglichen Zeitpunkt, wenn der Patient wieder aufnahmebereit ist, äußern. Außerdem sollte man seine Kollegen, die Ärzte und Schwestern, auch über die Komplikation informieren, nicht dass unterschiedliche Inhalte an den Patienten herangetragen werden.  Wie der Patient das aufnimmt, hängt ganz wesentlich davon ab, wie man es ihm vorträgt. Ich glaube, dass man so ehrlich und gerade wie nur irgendwie möglich rüberkommen muss. Dann ist die Wahrscheinlichkeit auch sehr, sehr groß, dass der Patient es abnickt und sagt: "Ja, es ist eben eingetreten. Und jetzt richten wir unseren Blick nach vorne."

 

Das Bild, das der Patient vom Arzt hat, hat sich in den letzten Jahren radikal gewandelt. Welche Erwartungen hat der Patient heute vom Arzt?

Prof. Rittmeister: Ich glaube, das Bild, das viele Patienten von ihrem Arzt haben, lehnt sich noch immer ein bisschen an den Fernsehdoktor an, weil es das Idealbild, das viele gerne von einem Arzt haben: ein gepflegtes Äußeres, Zeit für den Patienten, ein menschlicher Umgangston, nicht von oben herab und jemand, der treffsicher die Diagnosen stellt und nichts übersieht. Auf der anderen Seite, was sich geändert hat, ist, dass Patienten Ärzten in den letzten Jahren burschikoser auftreten, dass sie versuchen von sich aus die Blickwinkel zu ändern, dass sie den Arzt gar nicht über ihrer Augenhöhe ansiedeln wollen. Sie wollen sich mit dem Arzt auf Augenhöhe unterhalten. Die Patienten sind auch viel aufgeklärter geworden und erwarten die geballte Ladung medizinischen Wissens, um für sich die richtige Entscheidung treffen zu können. Das ist gar nicht so leicht, ihrem Wunsch nach umfassender Aufklärung nachzukommen und sie dabei nicht zu überfordern, weil sie eben nicht das Hintergrundwissen haben, das wir aufgrund unseres Studiums haben. Insgesamt denke ich, dass Ansehen des Arztes ist noch immer sehr hoch und ihm vergleich zu anderen Berufen noch immer ein ganz besonderes Ansehen.

 

Ungeschnittenes Beispiel aus der Visite

Was muss man mitbringen, um sich in der Chirurgie wohlzufühlen?

Prof. Rittmeister: Ich erwarte von meinen Ärzten, dass sie  ganz starke Operateure sind oder zu solchen heranreifen. Aber sie wären für mich unmöglich gute Chirurgen, wenn sie sich nicht außerhalb des OPs tadellos mit einem Patienten auseinandersetzen können und das auch gerne machen. Vielmehr glaube ich, dass man im OP gar nicht zu Höchstleistungen kommen kann, wenn man nicht die Krankengeschichte des Patienten genau kennt und nicht nur um die anatomische Besonderheit und seine Pathoanatomie weiß, sondern auch um die Beschwerden, die dahinterstehen.

Jeder, der wirklich will, darf zuversichtlich sein, dass er irgendwann einmal ein guter und empathischer Arzt wird. Ich glaube, es hat wirklich nur etwas mit Wollen zu tun. Und irgendwann geht einem dieses Training in Fleisch und Blut über.

 


Herr Prof. Dr. Rittmeister, vielen Dank für das Interview.

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