Mikrobiologie: Alles andere als Mikro

Mikrobiologie: Sie begegnet uns allen irgendwann im Studium und egal, welchen Fachbereich wir später wählen, sie spielt für jeden von uns eine Rolle. Bakterien, Viren und Pilze gehören zum Feindbild eines jeden Arztes. Doch wie sieht eigentlich der Alltag eines Mikrobiologen aus? Wir haben uns mit Dr. Stephan Göttig unterhalten. Er ist Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Frankfurt am Main. Im Interview mit uns berichtet er über die Aufgaben und Herausforderungen, die ihn im Alltag erwarten.

Dr. med. Dr. rer. physiol. Stephan Göttig | Foto: privat
Dr. med. Dr. rer. physiol. Stephan Göttig | Foto: privat

Herr Dr. Göttig, stellen Sie sich doch kurz vor.

Dr. Göttig: Mein Name ist Stephan Göttig, ich arbeite als Facharzt am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Frankfurt am Main.

 

Was gehört alles zum Arbeitsspektrum eines Mikrobiologen?

Dr. Göttig: Bei uns gibt es ganz grob fünf Bereiche: Diagnostik, Lehre, Forschung, Impfambulanz sowie Konsil- bzw. Visitentätigkeit. Die Infektionsdiagnostik macht dabei den größten Teil aus. In der Lehre führen wir Vorlesungen, Seminare und Praktika für Mediziner, Zahnmediziner, aber auch Pharmazeuten und Biologen durch. Zusätzlich machen wir Visitentätigkeiten auf Stationen, die häufig Patienten mit Infektionen haben, wie der chirurgisch-anästhesiologischen Intensivstation oder der Pädiatrie, manchmal auch andere Stationen. Wir machen Spät- und Wochenenddienste und haben einen 24-stündigen Bereitschaftsdienst. Das Arbeitsspektrum sieht im niedergelassenen Bereich allerdings ganz anders aus, hier macht man praktisch ausschließlich Labordiagnostik.

 

Wie sieht ein typischer Tag aus?

Dr. Göttig: Vormittags arbeitet man primär in der Diagnostik. Hier gibt es verschiedene Bereiche, z.B. Blutkultur-Labor, Parasitologie oder Mukoviszidose-Labor. Jeden Mittag haben wir zusammen mit der Virologie und Krankenhaushygiene eine Besprechung, bei der neben Organisatorischem auch klinische Fälle vorgestellt werden. Der Nachmittag ist sehr individuell gestaltet: Forschung, Lehre, Diagnostik, Visite – je nach Schwerpunkt.

 

Wie darf man sich die Facharztausbildung vorstellen?

Dr. Göttig: Die offizielle Bezeichnung ist Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Die Weiterbildungszeit umfasst fünf Jahre. Vier Jahre davon sind in der Mikrobiologie und Virologie zu absolvieren; hierzu gehört auch ein Block Krankenhaushygiene. Das Fremdjahr absolviert man auf Station, z.B. in der Inneren oder Chirurgie.

 

Wie wichtig sind die Fächer der Vorklinik Ihrer Meinung nach für die Mikrobiologie?

Dr. Göttig: Die vorklinischen Fächer sind für die spätere Tätigkeit als Arzt essentiell. Eigentlich ist der Begriff „vorklinisches Fach“ irreführend. Die Pathophysiologie oder Anatomie sind ständige Begleiter in der Klinik. Für das Fach Mikrobiologie sind am ehesten Physiologie und Biochemie wichtig.

 

Welche Eigenschaften muss ein Student mitbringen, um Mikrobiologe zu werden?

Dr. Göttig: Mikrobiologie ist ein typisches Quereinsteigerfach, zu dem man mehr oder weniger zufällig oder über die Doktorarbeit kommt. Das liegt daran, dass Mikrobiologie nicht in das klassische Berufsbild des Arztes passt und man sich erst mal wenig darunter vorstellen kann. Außer Spaß und Interesse am Fach und einem soliden Wissen über Infektionserkrankungen braucht man gute Kommunikationsfähigkeiten.

Übrigens kommt nach Überwindung diverser bürokratischer Hürden im Sommer dieses Jahres unser erster PJ-Student.

 

Können Sie uns von einem spannenden Fall erzählen, der Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?

Dr. Göttig: Da gibt es einige. Wir haben zum Beispiel ein neues Antibiotika-Resistenzgen aus multiresistenten Bakterien isolieren und erstmals beschreiben können. Das Resistenzgen kommt relativ häufig vor und wird mittlerweile weltweit nachgewiesen. Oder es gab mal einen klinischen Fall mit einem Kind, das mit Anämie, Panzytopenie und Splenomegalie aufgenommen wurde. Alle Untersuchungs- und Diagnostikbefunde deuteten auf ein Myelodysplastisches Syndrom, das mit einer stark immunsuppressiven Therapie behandelt werden sollte. Sowohl die behandelnde Ärztin als auch wir hatten ein komisches „Bauchgefühl“ und mithilfe eines häufigen und engen Austausches konnten wir nach weiteren klinischen und unkonventionellen Laboruntersuchungen Leishmanien im Knochenmark nachweisen. Das Kind wurde daraufhin mit Amphotericin B behandelt und war nach ca. zwei Wochen wieder vollkommen gesund. Das macht dann schon Spaß.

 

Wie sieht eine Doktorarbeit in der Mikrobiologie aus?

Dr. Göttig: Mit wenigen Ausnahmen werden bei uns im Institut nur experimentelle Arbeiten vergeben. Jede Arbeitsgruppe hat einen Themenschwerpunkt, zu dem es verschiedene Fragestellungen gibt, aus der sich Doktorarbeiten ergeben. Beispiel: Ein neues Protein wurde in E. coli entdeckt, das strukturelle Ähnlichkeiten mit Adhäsionsmolekülen aus anderen Bakterienspezies hat; in der Doktorarbeit soll nun die Adhäsion und Funktion dieses Proteins untersucht werden. Am Anfang wird man in die Methoden eingearbeitet und macht sich durch Literaturstudium mit der Theorie vertraut. Mit der Zeit wird man immer selbständiger und kann seine Experimente selber planen. Bei uns werden die Ergebnisse regelmäßig mit dem Betreuer besprochen und auch in einem Doktorandenseminar vorgestellt. Am Ende der Laborzeit hat man in aller Regel mehr als genug Daten, um die Dissertationsschrift zu verfassen.

 

Wie kommt man an eine Doktorarbeit und welche Anforderungen stellen Sie an Ihre Doktoranden?

Dr. Göttig: Auf unserer Instituts-Homepage gibt es zu jeder Arbeitsgruppe ein Kurzportrait, über das man einen ersten Eindruck gewinnen kann. Bei Interesse bieten wir ein mehrtägiges Praktikum an, bei dem man die einzelnen Arbeitsgruppen inklusive der Themenschwerpunkte, Methoden und vor allem die Mitarbeiter kennenlernen kann. Dazu schreibt man einfach einen der Arbeitsgruppenleiter an.

In meiner Gruppe beschäftigen wir uns mit der Pathogenität und den Resistenzmechanismen von multiresistenten, klinisch relevanten Gram-negativen Bakterien.

Ich persönlich schaue bei potentiellen Medizindoktoranden, ob großes Interesse an der Thematik besteht und ob das Zwischenmenschliche stimmt. Grundvoraussetzung ist ein Freisemester. Das schreckt die meisten erst mal ab. Letztendlich ist dies aber für die Qualität der eigenen Doktorarbeit essentiell, man lernt viel dabei und bisher hat keiner meiner Doktoranden das Freisemester bereut.

 

Welche Grundlagen der Mikrobiologe sollte jeder Arzt beherrschen?

Dr. Göttig: Folgendes Wissen können einem den Alltag, vor allem als Berufsanfänger, erleichtern: Was sind die wichtigsten Infektionserkrankungen in meinem Bereich und mit welchen Untersuchungen kann ich diese zielführend diagnostizieren? Wie interpretiere ich ein Antibiogramm? Grundlagen der Antibiotika-Therapie. Was sind multiresistente Erreger und wie gehe ich damit um? Korrekte Händedesinfektion und steriles Arbeiten stellen im engeren Sinne eigentlich keine mikrobiologischen Grundlagen dar, sind aber für die Tätigkeit am Patienten absolut essentiell.

 

Herr Dr. Göttig, vielen Dank für das Interview.

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