Was Ärzte von Schiedsrichtern lernen können

Was haben Ärzte und Schiedsrichter gemeinsam? Beide müssen in brenzligen Situationen und unter Zeitdruck wichtige Entscheidungen treffen, von denen viel abhängen kann. Eine einzige falsche Entscheidung kann dabei weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen. Aber wie gehe ich damit um? Was kann ich tun, um falsche Entscheidungen zu vermeiden? Und wenn es doch mal passiert: Wie mache ich das beste daraus?

Lutz Wagner bei einem seiner Bundesliga-Spiele | Foto: lutzwagner.net
Lutz Wagner bei einem seiner Bundesliga-Spiele | Foto: lutzwagner.net

 

Wir haben uns mit Lutz Wagner unterhalten. Er ist ehemaliger deutscher Fußballschiedsrichter. Mit 197 Bundesligaspielen und mehr als 100 Zweitliga-Einsätzen ist er bis heute unter den Bundesliga-Schiedsrichtern mit den meisten Einsätzen.

Seit 2010 ist er der leitende Koordinator des DFB für Regelauslegung und -umsetzung und Leiter der Nachwuchs- und Talentförderung in Deutschland.

Als Dozent tritt Lutz Wagner seit 2006 bei Firmen und anderen Vereinigungen auf, um sein Wissen an Führungskräfte weiterzugeben. 2007 wurde er vom PMI (Project Management Institute) Chapter in Berlin zum "Speaker of the year" gewählt.

Herr Wagner, was haben Ihrer Meinung nach Schiedsrichter und Ärzte gemeinsam?

Lutz Wagner: Sicher gibt es viele Gemeinsamkeiten, doch vorab muss man klarstellen: Ein Arzt hat eine ungleich höhere Verantwortung wie ein Schiedsrichter. Hier handelt es sich nicht um ein Spiel, sondern um einen Menschen bzw. ein Menschenleben. Ansonsten aber kann man dennoch Parallelen ziehen. So müssen Ärzte wie auch Schiedsrichter bestens vorbereitet und ausgebildet sein, jedoch müssen sie auch vorbereitet sein auf Unerwartetes. Kein Spiel läuft wie das andere, keine OP wie die andere. Wenn das Spiel oder die OP beginnt, können immer unerwartete Dinge auftreten.

 

Was können Ärzte von Schiedsrichtern lernen?

Lutz Wagner: Grundsätzlich gibt es zwischen all den Parallelen doch einen wesentlichen Unterschied: Schiedsrichter bekommen im Stadion ein sofortiges Feedback vom Umfeld, was nicht immer fachbezogen ist und teilweise in Anfeindung ausartet. Hier ruhig zu bleiben, nicht emotionalisieren zu lassen, ist etwas, was Schiedsrichter immer wieder trainieren. Das Umfeld ausblenden ist eine wichtige Eigenschaft. Hier kann vielleicht der Arzt das eine oder andere vom Schiedsrichter übernehmen, um sich so noch besser auf seinen Job zu fokussieren.

 

Wie treffe ich in brenzligen Situationen die richtige Entscheidung?

Lutz Wagner: Meist steht - egal ob als Arzt oder Schiedsrichter - der Entscheider unter Zeitdruck. Ist es wichtig, wie ich mich im Vorfeld vorbereitet habe, und kann ich hier auf gewisse Parameter oder Leitlinien zurückgreifen, die mir Sicherheit und Halt geben? Meistens treffe ich in solchen Situationen eine spontane Entscheidung, teilweise auch aus dem Bauch heraus. Wichtig ist nur, dass diese Entscheidung auch mit fachlicher Kompetenz zu untermauern ist.

 

"Aufgearbeitet wird erst nach dem Entscheidungsprozess." | Foto: lutzwagner.net
"Aufgearbeitet wird erst nach dem Entscheidungsprozess." | Foto: lutzwagner.net

Wie gehe ich damit um, wenn Entscheidungen von anderen kritisiert oder angezweifelt werden?

Lutz Wagner: Zunächst einmal sollte man unterscheiden, ob es sich um sachlich, fachliche Kritik handelt oder um unsachlich oder polemische Kritik. Zudem sollte man die Kritik nicht auf die eigene Person beziehen, sondern auf die Sache. Wenn es mir dann gelingt, selbst bei einer emotionalen Frage den Frager wieder auf die fachliche Ebene zurückzuholen, habe ich eigentlich einen guten Job gemacht.

 

Was mache ich, wenn sich die Entscheidung als falsch herausgestellt hat?

Lutz Wagner: Grundsätzlich gilt immer eins: Aufgearbeitet wird erst nach dem Entscheidungsprozess. Wer im Entscheidungsprozess aufarbeitet, verliert die Konzentration und die Fokussierung auf das Wesentliche bzw. auf die nächste Entscheidung. Wenn ich aufarbeite, muss ich schonungslos und ehrlich mich selbst analysieren. Im Nachhinein muss ich dann aber auch die Entscheidung als solches abhaken. Die Erkenntnis behalten, aber die Entscheidung hat sich erledigt. Es empfiehlt sich dabei, klare Fehler offen und ehrlich zuzugeben. Verschleierungen und scheibchenweise Enthüllungen bringen keinem der Beteiligten etwas - ganz im Gegenteil, sie erhöhen den Druck. Gebe ich offen und ehrlich einen Fehler zu, ist der Druck weg.

 

Wie verhindere ich, dass eine kürzlich getroffene, falsche Entscheidung mein Urteilsvermögen für die nächste Entscheidung nicht trübt?

Lutz Wagner: Dies ist mit eine der schwersten Aufgaben, die ein Entscheider hat: Sich zu lösen vom letzten Fehler. Meist gelingt dies nur bedingt. Trotzdem kann man es trainieren. Fokussieren auf die neue Entscheidung. Dies geht auch nur, wenn ich die alte analysiert, abgearbeitet und abgehakt habe. Dies zu  trainieren, ist aber ein langer und schwieriger Prozess.

 

Wie mache ich das beste aus einer falschen Entscheidung?

Lutz Wagner: Nicht die Wirkung beachten, sondern an die Ursachenforschung gehen. Hieraus neue Dinge ableiten, um diesen Fehler nicht noch einmal zu machen.

 

Kann man üben, schneller, besser und die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Lutz Wagner: Ich denke, hier liefert der Alltag das perfekte Training. Entscheidungen stehen überall an. Wenn ich mich kritisch hinterfrage, nicht nur, was ich entscheide, sondern wie ich dazu komme, werde ich im Entscheidungsprozess sicherer und besser.

 

Gibt es eine Situation aus Ihrer Schiedsrichterkarriere, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Lutz Wagner: Würde ich die brenzligen Situationen aufzählen, so wäre ich morgen noch dran. Eine nette war, als der Ex-Nationalspieler Ike Hässler sich nach der gewonnenen Platzwahl vor einem Bundesligaspiel für eine Seite entscheiden musste und zu keinem Entschluss kam. Als ich zu ihm sagte, dass es ja wohl nicht so schwer sein kann ...schließlich kenne er das ja von jedem Bundesligaspiel, entgegnete er:

"Von wegen …ich hab seit zwei Jahren keine Platzwahl mehr gewonnen!"

 

Herr Wagner, wir danken Ihnen für das Interview.

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